TRP: WWII 0.2

Anfangs konnte ich nur ahnen, dass mein Leseprojekt dieses Jahr nicht einfach so an Literatur der NS-Zeit vorbeiführen würde. Mittlerweile habe ich es Schwarz auf Weiß, dass auch für mich – 3. Generation nach dem Krieg – wichtige Erkenntnisse in der Darstellung und Aufarbeitung dieser Epoche liegen. Und, unglücklicherweise, haben sich Dan Bar-Ons Interviews in ihrer Zeitgenössischkeit potenter denn je erwiesen. Für den Zeitgeist dieser Tage spricht das nicht.

Von einer guten Freundin habe ich Die Last des Schweigens zum Geburtstag bekommen. Seit drei Wochen etwa begleiten mich also die Interviews des israelischen Psychologen, der 1938 im heutigen Israel geboren wurde. Seine Eltern waren fünf Jahre vorher aus Nazi-Deutschland geflohen und entkamen so dem Schicksal, das viele Millionen einholte. Nein, es war nicht das Schicksal, dass sie fernab von jeglicher menschlichen Verantwortung einholte; das teuflische Regime von Nationalsozialistischen Deutschen ermordete sie vorsätzlich und brutal.

In den Gesprächen, die Bar-On in den späten 80ern und frühen 90ern mit Kindern und Verwandten der obersten Riege des Nazi-Regimes führte, stellt er offene und nahezu objektive Fragen. Manchmal souffliert er umgangene Wahrheiten in seine Fragestellung hinein, bleibt aber stets mit Aufrichtigkeit, Neugierde und Empathie bei der Position der Person. Er tanzt gekonnt auf dem schwimmenden Grad zwischen Professionalität und persönlicher Betroffenheit.

Dieser um- und nahezu nachsichtige Umgang mit seinen Gegenübern beeindrucken mich. Er führt zu einer Konfliktbewältigung, die Heilungsprozesse anstößt. Obwohl seine GesprächspartnerInnen immer wieder überzeugt und manchmal fast brüskiert sagen “Ich habe davon nichts gewusst.” oder “Nein, darüber haben wir nie gesprochen.”, bleibt er seiner Überzeugung treu, dass nur Konfrontation, Verantwortungsübernahme und Vergebung zu Freiheit und Heilung führen können.

Wir leben in einer Zeit, in der auf der einen Seite sogenannte Whistle-blower prekäre Informationen aus digital gesammelten Daten extrahieren. Sie exponieren fehlerhaftes Verhalten von Menschen und tragen zu Transparenz bei. Auf der anderen Seite findet fehlerhaftes Verhalten, das Brechen von Abmachungen und Verträgen, nicht nur hinterrücks statt. Längst haben Verachtung, Hass, Selbstsucht und Ignoranz nahezu glorreichen Einzug in den öffentlichen Diskus und öffentliche Ämter gehalten. Und somit ist jetzt mehr denn je wiederum die private Instanz gefragt, diesen Umgang zu beaufsichtigen und kontrollieren.

Schweigen führt nicht zu Verarbeitung, nicht zu Heilung und niemals zu Freiheit. Schweigen nutzt gelegentlich dem eigenen Schutz, vererbt die Last aber dann nur treu an die nächste Generation weiter. Da ich mein Leben nicht im isolierten Isotop betrachten kann, muss ich mir das System und die vergangenen Systeme schon genauer anschauen, in die ich hineingeboren wurde. Und so bleibt meine Chance die Dinge sofort beim Namen zu nennen, wenn es geht, und sie gar nicht erst ausufern zu lassen. Denn die Konsequenzen betreffen nie nur mich.