Alltagsmagie

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Teach First Deutschland: Die Halbzeitbilanz

Ein wenig schizophren fühlt sich der erste Ferientag an, mit seiner tiefen Trägheit und gleichzeitig geselligen Euphorie – naturgemäß wahrscheinlich. Die Beanspruchung der letzten Schulwochen zerrt in die Horizontale, die Freude über freiverfügbare Zeit aber aus der Tür, und so sitze ich jetzt für diese kleine Betrachtung auf der Terrasse. Ich möchte von meinem ersten Jahr als Teach First Deutschland Fellow berichten – von einer unglaublichen Reise:

Die positiven Schwingungen begannen kurz nach Erhalt der Bewerbungsbestätigung. Ein ungeahnt zuversichtlicher Tatendrang machte sich in meiner Gedankenwelt breit – und auch in meinen Worten, als ich im Auto meinem Freund von TFD erzählte. Verglichen mit den zahlreichen anderen Stellenbeschreibungen, die ich in den vorangegangenen Monaten gelesen hatte, war die Sinnhaftigkeit hier sofort erkennbar. Dementsprechend beflügelt schwebte ich ins Interview, den Assessment Center und die darauffolgende sechswöchige Sommerakademie.

Die Daseinsberechtigung für TFD ist nicht für alle immer sofort erkennbar – oder zu akzeptieren. “Ungeschulte Hochschulabsolventen auf Kinder im sozialen Brennpunkt loslassen? Das ist doch fahrlässig!” Mir gegenüber wurden solche vernichtenden Zweifel noch nicht geäußert, aber wahrscheinlich nur, weil meine Begeisterung diese Prämissen gar nicht erst zulassen würde. Wir, die Hochschulabsolventen, sind nicht ungeschult, wir werden nicht losgelassen und unsere Schulen sind keine Knastableger im Hinterland. Unsere Schulen sind die wichtigste Zukunftsalternative in benachteiligten Stadtteilen, wir werden von begeisterten Pädagogen vor und während unserem Einsatz geschult und uns vereint eine Weltklassebildung in sämtlichen Fachbereichen. Ich maße mir nicht an zusagen, ich wolle oder könne irgendwen vor irgendwas retten. Aber ich will und ich kann Beziehungen zu jungen Menschen aufbauen und ich will und ich kann Inhalte vermitteln. Mit dieser Voraussetzung bin ich letzten August an die Heinrich-Heine Gesamtschule in Duisburg-Rheinhausen gefahren.

Ich hatte das spätsommerlich verträumte Siebengebirge im Bonner Rheintal noch nicht lange hinter mir gelassen, da taten sich die ersten schlanken Hälse der Fabrikschlöte am nördlichen Horizont auf. Sie wurden länger und häufiger – bis ich schließlich so dicht an ihnen vorbeifuhr, dass ich die Lebensgefahrschilder an ihren Wurzeln deutlich lesen konnte. Auch mit blauem Sommerhimmel über mir schien die Stimmung von ihrer Präsenz getrübt.

Trotz blinkender Warnleuchte an meinem Auto und ADAC-Checkup kam ich pünktlich zur Lehrerkonferenz. Ich hätte mir denken können, dass das Kollegium bei einer Schülerschaft von über 1000 zahlreich ist, aber mit allen Kollegen gemeinsam in einem Lehrerzimmer zu sitzen war schon beeindruckend. Binnen weniger Minuten war die Sitzordnung und das dazugehörige Stimmungsbarometer der einzelnen Tische klar – und hielt sich konsequent den Rest des Schuljahres über.

Auch der charmant abgeklärte Ton der Konferenz blieb der gleiche das Jahr über – und ist mir mittlerweile fast zur Gewohnheit geworden. Aus dem amerikanischen Kulturkreis war ich eher einen überschwänglichen Duktus gewohnt – und eine offenkundigere Herzlichkeit. Aber wie mir meine Berater Götz Georgi und Günther Wallraff im Echo versicherten war das hierzulande anders – und ich hatte mich daraufeinzulassen.

Die ersten Schultage waren von einer allgemeinen Hektik durchzogen, von Zuspätkommen aufgrund von Raumsuche meinerseits, unpässlicher Taschenvertauschung mit falschen Dokumenten auch meinerseits, Aufregung vor fifty-plus first Dates innerhalb kürzester Zeit beiderseits, und erster pädagogischer Schritte mit den Schülerinnen und Schülern – zwar noch nicht unbedingt in die gleiche Richtung aber wenigstens nicht auf der Stelle. Ich war in diesen Wochen abends genauso erledigt wie in den letzten.

Der Herbst verflog, die Routinen machten sich breit und die ersten Konflikte spalten Lerngruppen. Meine wichtigste Erkenntnis vom Advent: es lohnt sich immer, sich für die beziehungsebene mit Schülern Zeit zu nehmen. Schule priorisiert das Fachliche eh so stark, dass nicht auch noch Fellows in dieses trügerische Muster fallen müssen. Wir haben den Luxus und den Freiraum, Konflikte anzusprechen, mit den Schülern zu lösen und so nachzubereiten, dass jeder etwas daraus lernt – ohne das Gesicht zu verlieren, was in Schule wahrscheinlich die größte Angst von allen ist.

Über Weihnachten war ich krank, wie auch über Ostern, nichts also mit ausgiebigen, abenteuerlichen Ferienwochen. Natürlich haben Krankheiten immer auch Gründe, und ich vermute meine in Überarbeitung und vermehrtem Bazillenflug in der Schule.

Das Frühjahr war kurz und knackig. Die Zeit zwischen Januar und Juni war geprägt von einer sagenhaften Londonreise mit meinem Vertiefungskurs Englisch im 11. Jahrgang, einer Reise nach Berlin mit einem Kollegen und seinen Siebtklässlern ins Coding Camp von der Bildungsinitiative Code your life, einer Reise mit Schülern nach Bielefeld für den Beginn der diesjährigen Sommerakademie, einer schulinternen Buchveröffentlichung meines Vertiefungskurses Englisch im siebten Jahrgang, einigen Videoprojekten und zahlreichen Stunden, die ungeplant besser liefen als gedacht. (Meistens, zumindest.) Dreimal war die Lokalzeitung da und einmal der WDR. Was jeder Berufstätige von dicht aneinander gereihten Projekten erzählen würde ist im Schulkontext immer zusätzlich intensiviert durch die aktive Teilnahme und Meinungsverschiedenheit von Minimum 20 Jugendlichen, ihren Erlaubnis erteilenden Eltern, einem hohen bürokratischen Papieraufwand für alles Mögliche und wenigen transparenten Kommunikationsstrukturen an unserer Schule. Aber, egal wie und wann und wo, die Mühe lohnt sich immer! …Und Perfektion ist der größte Trugschluss und hat in Schule nichts verloren!

Mein Fellowdasein ist so schon turbulent und frenetisch genug, aber im Kontext meiner Fernbeziehung und meiner Beziehung mit der Ferne gab es doch einige Momente, in denen Sehnsucht nach Geborgenheit mich nachts durch den Ruhrpott und das Rheinland nach Bonn fahren ließen, oder für ein Wochenende nach Kairo entführten. Und immer wieder wurde mir ein bisschen klarer: genau so will ich es und genau so liebe ich es.

Und jetzt ist der Sommer da, die Jahreszeit, die so unbedarft scheint und gleichzeitig mit wachsender Nostalgie übers Land zieht. “Nostalgie wonach?” Das ist bei ihr immer nicht ganz klar, mir zumindest nicht, aber sie fühlt sich immer wunderschön an, und immer ein bisschen schmerzhaft.

About Marie-Sophie Guntram

Marie-Sophie is a language lover at heart and a linguist by training. She's currently seeking to make a living and, more importantly, a life.

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This entry was posted on July 9, 2016 by in writing some poetry.