Alltagsmagie

something_s we make

Eine wahrscheinlich triviale Reflexion

Seit heute Morgen 9 Uhr bin ich wieder unter den Benutzern eines Smartphones. Die Extrovertierte in mir ist freudig erleichtert über die erneut omnipräsente Vernetzung mit der Welt. Die Selektive jedoch ist noch zögerlich – sie wird sich den Kontakten nun stellen müssen, die wieder ungefiltert hereinprasseln.

Die Kündigung meines letzten Vertrages mit AT&T liegt genau ein Jahr zurück. Sie beendete damals eine bereitwillige und bunte Kommunikationsaffinität mit jedem und allen, die mich innerhalb der USA aber natürlich auch transatlantisch mit SMS, Anrufen, Emails, Whatsappnachrichten und Facebookeventeinladungen kontaktierten. Schlagartig wurde es leise in meinem Leben. Und leerer.

Einige Wochen war ich komplett handylos—ein Amputationszustand, der wohl in diesem digitalen Zeitalter niemals wiederkehren wird. Gerade in dieser Zeit lernte ich einen Typ kennen, dem ich nachts vom Laptop aus noch eine Email schickte, um nach dem ersten Date zu versichern, ich sei mit dem Fahrrad noch gut und sicher zuhause angekommen. Derselbe musste für die nachfolgenden Dates entweder auf dem Festnetz anrufen, wo er mit meiner Mutter telefonierte, oder mir eine Mail schicken, die ich erst wieder beantworten konnte, wenn ich wieder Zuhause und am Laptop war.

Nach einigen ruhigen Wochen in dieser befreiend eingeschränkten Kommunikationsmodalität entschied ich mich dann doch für ein Prepaidhandy. Swiss One Big Butten wurde fortan mein neuer Wegbegleiter—aber auch nur dann, wenn ich sehnsüchtig eine SMS von eben jener Sommerbekanntschaft erwartete. …Dass daraus eine Beziehung entstand liegt jedoch nicht an den alternativen Kommunikationsmedien, würde ich behaupten, sondern an der Reduzierung auf das gesprochene, angehörte Wort.

Die prägnanteste Erinnerung an den unkaputtbaren, silbernen Backsteinbaustein bleibt wohl der penetrante Klingelton, der eindeutig hart zu ignorieren—oder vergessen—ist. Er ist wohl auch der Grund, warum nur sehr halbherzig drauf erpicht war, das Gerät als Vernetzungsmechanik zu benutzen.

Über dieses Jahr ohne Smartphone habe ich von einigen Ecken wiedergespiegelt bekommen, wir schwer es doch punktuell gewesen sei, mich zu erreichen, mit mir zu kommunizieren, oder von mir zu hören, obwohl ich jetzt ja wieder auf dem Kontinent war! …Das ist freilich nicht nur der Klingelton Schuld. Wie unwohl fühlte ich mich monatelang zwischen Praktika, Bewerbungen, und Gesprächen, die sich allesamt im Nichts verliefen. Und wie wohl fühlte ich mich umgeben von meinen treuen Büchern, langen, bedeutungsvollen Emails und Briefen, und einigen wenigen Menschen, mit denen Reden eine Wohltat ist. Auch das ehrliche Gebet hielt wieder Einzug in meine Seelendekoration.

Jetzt, wo Swiss One Big Button dickbäuchig in der Ecke liegt, und das geschmeidig flache Futurviereck meine Hand ziert, spricht die Symbolik für sich: die helfende Hand ist wiedermal eisern um die Röhre geschlossen, die sie in den Äther der sozialen Versprechung verschluckt.

Soll es doch nicht so werden! Weder beim Autofahren, noch beim Spazierengehen, oder gar bei der gemeinsamen Mahlzeit—soll doch die menschliche Interaktion eigenständig bestehen bleiben und durch digitale Ansprüche bloß differenziert werden! Denn was besitzt sonst wen!

Und so nehme ich heute nur Abschied vom Gerät, nicht aber vom Gefühl: ich möchte dieses kurze Leben nicht von einem makellosen Bildschirm wiedergespiegelt bekommen. Sondern von den Gesichtern dieser Welt.

About Marie-Sophie Guntram

Marie-Sophie is a language lover at heart and a linguist by training. She's currently seeking to make a living and, more importantly, a life.

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This entry was posted on July 11, 2015 by in writing some poetry.