Finding

“Sie füllte meinen Becher mit heißem Kaffee und begann, ein Funkeln in den Augen: ‘In der Stadt Niamey im Niger lebte ein sehr armer Bauer. Sein ganzer Besitz was ein einfaches niedriges Haus in der Farbe sonnenduchglühter Erde. Vor diesem Haus gab es ein steiniges Feld und am Ende dieses Feldes eine Quelle und einen Feigenbaum. Das war sein ganzer Besitz.

Eines Tages sah er im Schlaf, wie er durch eine große und wunderschöne Stadt ging. Bald kam er im Licht dieses Traums an das Ufer eines Flusses, über den eine steinerne Brücke führte. Dort stand, am Fuß des ersten Grenzsteins, eine offene Truhe, die bis zum Rand mit Goldstücken und Edelsteinen gefüllt war. Und er hörte eine Stimme, die zu ihm sagte: ‘Du bist hier in der großen Stadt Kairo, in Ägypten. Diese Schätze sind die versprochen.’ Genau in diesem Augenblick erwachte er am Fuß seines Feigenbaums, wo der Schlaf der Siesta ihn übermannt hatte. Unter dem Eindruck seines Traums schloss unser armer Bauer sofort sein Haus ab, packte seine Tasche und beschloss, nach Ägypten und Kairo zu gehen, die ihm im Traum erschienen war.

Seine Reise was lang und gefährlich. Tausendmal wäre er beinahe gestorben; er wurde geschlagen, bestohlen, krank, aber er gab niemals auf. Was er im Traum gesehen hatte, musste sein und würde sein. Nach einem langen Monat hatte er endlich Kairo erreicht. Sein Herz schlug wie wild, seine Freude ließ ihn alles vergessen, was er durchgemacht hatte, um hierherzukommen; die Stadt war genauso, wie sie ihm im Traum erschienen war. Und wie im Traum ging er durch die breiten Straßen, bewunderte die Geschäfte und Minarette, atmete die Düfte ein und genoss die Gewürze.

Nur am Fuß des ersten Grenzsteins fand er statt der Truhe und des Schatzes einen alten, zahnlosen Bettler. ‘Könntest Du ein wenig beiseiterücken?’, bat der Bauer den Bettler, nicht ohne ihm seine letzte Münze zu schenken. Er hatte noch immer die Hoffnung, unter dem zerknitterten HIntern des armen Schluckers die prächtige mit Juwelen und Gold gefüllte Truhe zu finden. Der Bettler nahm die Münze, dankte Allah und rückte zur Seite. An seinem Platz waren nur Steine und Staub. ‘Ach! Ich will sterben’, jammerte der Bauer und raufte sich die Haare. ‘Leb wohl, Bauer, ich werde mich von dieser Brücke stürzen. Ich habe alles verloren, ich kann mit dieser Enttäuschung nicht weiterleben.’

Und er erzählte dem Bettler von seinem Traum, der Truhe, dem Gold, und den Juwelen. Und der Bettler brach in schallendes Gelächter aus.’Wenn einer wirklich verrückt ist, dann du. Du willst sterben und den Träumen glauben! Sie mich an: Auch ich habe vor drei Monden von einem Schatz geträumt, der am Fuß eines Feigenbaums im Hof eines einfachen niedrigen Hauses in der Farbe sonnendurchglühter Erde am Rande der Stadt Niamey vergraben war. Habe ich alles aufgegeben, um das Haus zu finden?’Als der Bauer das hörte, öffnete er verblüfft den Mund; er schluf sich an die Stirn und brach in schallendes Gelächter aus. ‘Du bist wirklich verrückt oder einfältig!’, rief der Bettler, verwirrt von dem lauten Gelächter, und rückte an seinen Platz genau unter dem ersten Grenzstein der steinernen Brücke zurück.

Der Bauer lachte noch immer und machte sich vor Freude hüpfend auf den Rückweg. Wie hätte er dem Bettler gestehen sollen, dass das Haus, das dieser im Traum gesehen hatte, seines gewesen war? Und dass der Schatz folglich bei ihm, am Fuß des Feigenbaums, auf ihn wartete?”

Hélène Grimaud, Lektionen des Lebens, pp 25-27