Zurück

Sie stieg aus dem Bus. Der kleinere Zeiger war über die Spanne von vier Ziffern gewandert und hatte zwei Welten drastisch nebeneinander gestellt. Vier Stunden waren für sie lange nicht genug gewesen, um beide Welten so zu akzeptieren, wie sie sind. Sie wollte einfach wieder zurück.

Jeder ihrer zögerlichen Schritte sehnte sich nach dem Asphalt, über welchen das Mädchen die letzten zwei Tage so leicht hingeglitten war, aber den Untergrund, den die letzte Treppenstufe des Busses bot, war nicht genehm. Überhaupt nicht. Jegliche Empfindungen ihrer Sinne sträubten sich gegen das Ankommen in der Stadt ihrer Universität—die Stille brachte das Blut in ihren Wangen zum allmählichen Kochen, die Leere der Straßen ermutigte ihre Finger, sich mehr und mehr zu einer Faust zusammen zu krümmen, und die Kälte ließ die Farben ihrer Erinnerungen ergrauen. Aber sie hatte den Bus zurück nehmen müssen. Dies war kein Film. Dies war das Leben, in welchem man für Impulshandlungen teuer zahlen muss— mehr als für Handlungen der Vernunft. Nicht überraschend war der Weg von der Bushaltestelle zu ihrem Zimmer also heftigst von widerwilligen Schritten durchbohrt. Als sie das Schlüsselloch mit ihrem Schlüssel griesgrämig umstocherte, hatte ihr Atem sogar die Luft durchlöchert und als sie schließlich „daheim“ angekommen war, war all ihre Energie verbraucht. Schlaff ließ sie sich aufs Bett fallen und schnell weichten Tränen die Bettwäsche um ihren Kopf herum ein.

Sie wollte einfach nicht hier sein. Überall sonst, nur nicht hier. Das Quietschen ihrer Zimmertür ließ fortwährend ihre Muskeln zusammen zucken, das Knarren der letzten Treppenstufe war wie immer ein Grund für sie zu fluchen und der Geruch der Wände war einfach nur abschreckend. Wie konnte sie diesem gesamten Lebensstil, den viele neideten, für welchen sie hart gearbeitet hatte und den sie sich selbst ausgesucht hatte, so abgeneigt entgegenblicken, so verstoßen?

Aber dann geschah es. Als sie ihre Augen öffnete hatten die Tränen ganz plötzlich die Wand, wessen Farbe sie die von Erbrochenem charakterisiert hatte, zu einer Weltkarte verschwimmen lassen; Augenblicklich beruhigte sich ihr aufgebrachtes Herz. New York blitzte mit all seinen verführenden Lichtern  und Gesichtern, die Türme der Kathedrale zu Lyon standen pieksig hervor, Georgia und die Appalachen waren unverkennbar hervorgehoben und über allem thronten die Umrisse ihrer Heimat Deutschlands—sie brauchte sich keine Sorgen mehr machen. Weniger heftig kämpfend setzte sie sich auf und atmete tief ein. Sie zählte bis drei, stand dann auf, schüttelte den heftigen Moment des Fernwehs ab und packte mechanisch ihre Taschen aus. Sie musste sich dieses Mal einfach zusammenreißen.