Wolken

Es war der letzte Abend, der letzte Abend vor der Trennung, dem Ungewissen. Aber noch waren sie in Sicherheit.

Er und sie lagen auf dem hölzernen Steg am See, umhüllt von sommerlicher Abendluft und gegenseitiger Zuneigung. Im Hintergrund knackten die Hölzer des Untergrunds unsicher in Einstimmung mit der mitschwingenden Angst des Loslassens der Freunde. Ein paar Wolken hielten das Universum davon ab, die gedämpfte, verletzliche Unterhaltung zu belauschen. Um die Unterhaltung von der Zukunft zum gerade Geschehenden zu lenken, interpretierte sie einen Wolkenklan als Bild einer Hand. Der Handballen, die Finger und sogar Fingernägel waren unübersehbar. Nach ein paar Atemzügen, die ihre schwerwiegenden Worte über den See weit hinweg gleiten ließen, nahm er ihre Hand. Er spiegelte die Weite des Himmels in einer kleinen Geste wieder und fing ein Stück dessen Unbegrenztheit ein. Sachte wartete er auf ihre Zustimmung und schließlich hieß sie seine Berührung willkommen. Er legte das Fingergeflecht daraufhin auf seinen warmen Bauch und ließ es dort ruhen, auf welchem es von seinem ruhigen Atem gleichmäßig auf und ab bewegt wurde. Und dann formten die Wolken in seinen Augen Lippen. Natürlicherweise sagte das eine weiterhin interessante Unterhaltung voraus—so beendete sie seine Gedanken. Aber er dachte da anders, beugte sich über sie und küsst sie. Was für eine „Meinungsverschiedenheit.“

Augenblicklich hielt die Welt den Atem an und hörte auf, sich zu drehen. Der Moment war zu zerbrechlich, die rissige Zukunft so nah. Das Licht des Mondes hüllte die Schönheit des Augenblicks ein wie Frischhaltefolie Angefangenes abdichtet und für einen späteren Zeitpunkt konserviert. Ihre Entscheidung war Zeuge ihrer Spontanität, welche Plan A unmerkbar in Plan B umwandeln konnte; sie ließ sich auf einen Moment einer wunderbaren Nähe ein. Sein Atem erfasste ihre Gesichtszüge, um jene für immer zu bewahren, während ihre Wimpern sich sanft auf seine Stirn nieder legten. Während seine Lippen sich gekonnt mit ihren wiederfanden, erfassten sie gleichzeitig mit jeder Bewegung die Besonderheit jedes einzelnen Moments, den die beiden gemeinsam miteinander verbracht hatten. Jetzt konnte nichts mehr passieren. Eine Freundschaft war besiegelt.