Treppensteigen

Die Haare lagen wie frisch geerntete, schneeweiße Baumwollblüten auf ihrem Schopf und da die Locken unter dem unerbittlichen Zerren der Zeit an Sprungkraft verloren hatten, waren sie nur noch willig wellig. Das war die Großmutter. Die Haare des kleinen Mädchens standen wie unzählige Türme zu Babel in alle Richtungen ab und bildeten einen Rahmen für ihre glitzernden Augen. Die Hautfarbe beider Damen leuchtete wie die untergehende Sonne und verbindende Erfahrungen wiegten die gemeinsamen Worte in den feinen Falten der Älteren hin und her.

 

Hand haltend waren beide auf dem Weg nach oben. Schritt für Schritt. Die eine Hand der Großmutter umschloss das Geländer und die andere hielt die kleine Hand des Mädchens, während dessen andere, freie Hand zum Einklang dirigierte. Es kam alles auf das Zusammenwirken der Kräfte an, denn die Treppe ging hoch hinauf. Die Stufen waren ausgekerbt und dellig, was die Füße der Großmutter zum Balancieren zwang. Aber sie hatte ja ihr Mädchen. Und die Worte.

Bei jedem der ausgeklügelten Schritte sagte die Großmutter laut auf, sie schaffe es. Und bei jedem Ausruf teilte das Mädchen ihre Meinung mit, welche daraus bestand, dass die Großmutter es aber ganz natürlicher Weise schaffen würde. Der zweistimmige Chor mobilisierte alle Kräfte der Großmutter, welche ihrem Ziel weit oben mit jeder Welle des Ansporns näher kam. Die zweistimmigen Subjektive „Du“ und „Ich“ waren beide auf die Alte gerichtet und so schaffte jene es wirklich, trotz unangenehmer Hüft- und Rückenschmerzen mit einem gewinnenden Lächeln oben anzukommen. Ich schaffe es, so die Alte. Du schaffst es, so die Kleine. Beide staunten über die Länge und  Steilheit der Treppe als sie sich oben dann umdrehten—so leicht fühlten sich die Beine trotz aller Anstrengung an!

Oft ist es eben so viel einfacher, einander die Hand zu reichen und den Weg gemeinsam zu gehen, so  porträtierten es zumindest die strahlenden Gesichter der beiden Treppensteigerinnen.