Morgenstunde

Er war seit vielen Jahren schon an ihrer Seite. Er kannte sie nackt. Er kannte sie angezogen. Er kannte sie mit und ohne Brille. Er kannte sie mit offenen Haaren. Er wachte über ihren Schlaf und kannte jede Falte, die das Kissen auf ihrer Wange nach dem Aufwachen hinterließ. Er erinnerte sie stets zuverlässig und war allen anderen von seiner Gattung immer ein wenig voraus.

Und weil er so unersetzlich war, machte ihr sein morgendliches, unerbärmlich schrilles Klingeln nichts aus. Weil sie wusste, dass er es gut meinte, erwiderte sie die Geste mit einem schwungvollen Zurückschlagen der Decke. Der Tag fing an.

Licht an. Die Vorhänge zog sie immer erst nach der Dusche zurück, weil sonst jeder Außenstehende an ihrem Start in den Tag teilnehmen könnte, aber dafür war jener viel zu einmalig. Nachdem sie ihr Bett gemacht und ihren Bademantel übergeworfen hatte, trippelte sie über den gerillten Teppichboden des Flurs in die Dusche. Das Internatshaus war aufgeräumt, von 24 verschiedenen Gerüchen parfümiert und leer.

Schon einmal war sie heute kurz wach gewesen, um ihren Mädchen mehr Zeit im Bad zu geben; wie jeden Morgen hatte sie eine weitere halbe Stunde Schlaf danach doch noch gebraucht, sonst wären ihre Augen nicht bereit gewesen, die Komplexität des Tages zu sichten. Nachdem die Mädchen also im Bad vor dem Spiegel schon Chorprobe, Laufstegtraining und Tanzkurs gehabt hatten, waren ihre Lieben nun schon auf dem Weg zum Frühstück mit den Jungs von nebenan. Der schelle Blick aus dem Fenster bestätigte ihre Erwartungen: die Jungs schlurften verschlafen mit leicht zerknitterten Hemden langsam hinter den Mädchen her, welche frisch und munter den Morgen mit gemachten Haaren und makelloser Schuluniform begrüßten. Unter dem kalten Wasserstrahl fokussierte sie ihre eigenen Gedanken auf das Bevorstehende. Sie erahnten die Silhouette des Tages; sie wusste Bescheid.

Wasser aus. Wie immer quietschte und röchelte der Hahn. Das blumige Shampoo entfernte alles Aufhaltende und mit einem letzten Treffen mit dem kalten Wasser war die Morgenwäsche erledigt. Die Zahnpasta bereitete ihren Mund für passende Worte vor und dann flog sie auch schon durch den Flur zurück zu ihrem Zimmer am Ende des Ganges. Die Schuluniform war herausgelegt und übernahm jegliche Gedanken für Nuancen im Outfit. Auf einem Bein hüpfend zog sie sich den zweiten Socken an, wiederholte die Vokabeln für die erste Unterrichtsstunde, hakte mental noch einmal alles Zutuende ab und steckte mit geübten Fingern ihre Haare zurück, um einen klaren Blick behalten zu können—denn darauf kam es an. Die Vorhänge ließen nun die Sonne herein und ihr Blick schweifte wie jeden Morgen zum Fenster auf der anderen Seite der Wiese, aus welchem kein Licht mehr zu sehen war. Er war wie immer schon einen Schritt weiter—wobei er sich im Laufe des Tages umsehen würde, um auf sie zu warten. Sein Rhythmus war wahrhaftig ein anderer: Während er früh ins Bett ging, war sie über ihre Bücher geneigt—dafür wachte er weitaus früher auf und ahnte, dass ihre Gesichtszüge noch Zeugen der Geschichten einer anderen Welt waren. Und trotzdem fanden beide Zeit, an einander zu denken.

Sie ergriff Agenda, Stift und Block, überprüfte die Details des Zimmer noch einmal, rückte das Handtuch ein wenig zurecht, welches zum Trocken aufgehängt war, und dann flog auch schon die Tür auf—und wieder zu. Vor dem Schulgebäude hieß sie hastig einen warmen Schluck bitteren Kaffee willkommen, atmete bei geschlossenen Augen tief ein und aus, erklomm dann die Stufen hinauf zum Schulportal, nickte ihrem Lieblingslehrer einen Morgengruß zu und in der selben Minute klingelte die Schulglocke zur Ordnung.