Das Hemd – Eine Begebenheit aus New York

Für Dich, Dad

 

Die übliche Eingewöhnungsphase für diese Art von Unternehmung war von ihr ahnungslos übergangen worden, da ein mehrmaliges Wiederkehren jener Begebenheiten schon eine überraschend eloquente Perfektion in ihrer Handlungsart hatte entstehen lassen. Mit unauffällig klar strukturierten Techniken ging sie seither natürlich gewandt mit solchen Situationen um.

Jene männlichen Stimmen, die zeitweilig in Flugzeugen, Zügen, Bussen, Restaurants, öffentlichen Toiletten, Kirchen, Treppenhäusern und Parkplätzen Eintritt in ihr Leben erlangt hatten, fanden nun ihr unaufhaltsam weiterreisendes Echo in der New Yorker U-Bahn wieder; Ihr gemeinsames Ziel war durch diese dreizehn Minuten und Tims Erscheinen verschärft definiert. Obwohl Tim netter war als einige seiner Vorgänger, war sie dieses Mal nicht genug bei der Sache, um die Oberhand des Gesprächs zu behalten—ohne jenes jedoch zu bemerken. In Gedanken versunken entfernte sie sich vom Wagon und wurde vom Puls der gefächerten Unterhaltungen der U-Bahn weit von seinen geschickten Versuchen der Annäherung fortgetragen.

Ihr Scharfsinn war ihrer in windes Eile gepackten Tasche gewidmet; jene war in ihrer wochenendlichen Unterkunft nahe des Central Parks vom Rezeptionisten eingeschlossen worden. Sie hätte ihre Utensilien vor dreiundzwanzig Uhr aus dem Lager entfernen müssen, um später vor dem zu Bettgehen besonders an ihr Schlafhemd heranzukommen, aber genau dieses Vorhaben hatten die verführenden Fänge der Metropolis erfolgreich verhindert. Mittlerweile war es weit nach Mitternacht, die Stadt hielt sie immer noch fest umschlungen, sie hatte keine Schlafsachen für die erste Nacht ihres Erwachsenenseins, ihre Mitreisenden würden noch mehr Grund zum Herüberspähen haben und Tom—oder war es Ted gewesen—schien von ihrem gelegentlichen Nicken und Lächeln nur enthusiastischer zu werden. Dieses Mal hatte sie ungewohnte Schwierigkeiten, dem fremden Typen die Botschaft zu übermitteln, dass sie ihn in genau 10 Minuten nie wiedersehen würde, geschweige denn wiedersehen wollte.

Til hatte binnen jener wenigen Minuten eine so intensive Freundschaft zu ihr geknüpft, wie es die Innenwände einer U-Bahn—auch die des New Yorker Untergrundsystems, welches ohne Zweifel mit so gut wie allem bestens vertraut waren—erst sehr selten gesehen hatten: Er redete mittlerweile darüber, dass—worüber eigentlich? Sie fühlte, wie sich ihre Muskeln versteiften. Jetzt war aber Schluss. Energisch holte sie Luft, sowie sie es schon einige Male—außerhalb des Yogakurses—getan hatte, stemmte vehement die Fäuste in die Hüfte und räusperte sich, um ihrem eindrucksvollen Auftritt freie Bahn zu schaffen. Gut, dass sie ihren schwarzen, seriösen Mantel und die Haare hochgesteckt trug. Und dann hob Tilo so entschieden wie ein Verkehrspolizist die Hand und siehe an, sie hielt inne. Was fiel ihm überhaupt ein? Er zückte seinen Rucksack, fuhr sich mit einer Hand durch die dunkelblonden Haare und zog ein säuberlich zusammengefaltetes graues T-Shirt hervor. War ihre Vorstellungskraft wieder einmal dazwischen geraten? Nein. Mit knappen Worten drückte der U-Bahntyp ihr jenes Hemd mitsamt seiner Visitenkarte und einem strahlenden Lächeln in die Hand und stieg aus dem Wagon.

In den frühen Morgenstunden, als die kalte, rauchige Winterluft New York ein wenig benommen hatte wirken lassen, aber selbstredend nicht gelähmt hatte, lag sie in Tims Hemd im Stockbett der Unterkunft und schlief. Beruhigt hatte sie den Staub der Großstadt ablegen können und war nun mitsamt diesem reinen Hemd ins Land der Träume entwichen, in welchem sie New York zum zweiten Mal noch mal mehr in ihr Herz schloss.