Ausziehen

Bisher hatten viele durchsichtige Tesafilmstreifen ihr Leben an den Wänden ihres Internatszimmers beisammen gehalten. Die unzähligen—manche waren kurz, andere mittellang und einige einzelne beidseitig klebend—Verbindungen vereinten Vergangenes mit dem Jetzt und sogar dem noch Kommenden. Gemeinsam erinnerten und erahnten sie, sie mahnten und assistierten. Von Familienbildern, Matheformeln und Vokabellisten über Bilder von wunderschönen Männern zu zwei getrockneten Blumensträußen war ihr kleines Reich mit visuellen Oasen gefüllt.

Jetzt übernahmen die Schnallen der Koffer diese sekretarieellen Aufgaben. Ein Schweißfilm war ihr flüssiger Salz-Ersatz für Tränen ,während sie sich langsam im Kreis drehte. Noch nicht mal der beißende Geruch von Glasreiniger, welchen sie dieses Jahr so oft inhaliert hatte, machte es leichter, für sie den Kontrast der räumlichen Leere und zeitlichen Fülle zu ertragen. Die Wände waren leer. Der Fußboden zweimal gesaugt. Der Mülleimer stand wie eine einsame Kängurumutter ohne Kind in der Ecke. Der Stuhl war unnatürlich nah an den Tisch herangerückt. Man sah die Delle im Polster deutlich, obwohl sie sooft auf dem Boden gesessen hatte. Der Stuhl: ihre Couch, Sessel, Barhocker und Hängematte. Die Kleiderstange war ohne Last. Die Schubladen hatten keinen Grund mehr unter modischen Lasten zu ächzen. Der gesplitterte Spiegel hatte so viele Gesichter gesehen: So viele Sorgenfalten, prustendes Lachen, Freudentänze, Tränenkrisen, Probereden, Nacktheit, Peinlichkeiten, Klamottenstile—so viel Weiblichkeit.

Und trotzdem—das Lebhafte des Raumes, welches für sie für immer da bleiben würde und welches gerade nun ihre Beine zittern ließ, war für die Augen Dritter nicht greifbar. Nichtsdestotrotz war die Aura des Zimmers gezeichnet von Emotionen, Erinnerungen, Freuden, Ängsten, Mahnungen und Ratschlägen, die sie sich noch einmal geistig hervorrief, um das Zimmer mit ein wenig Gemütlichkeit zu füllen. Der Anfang würde für das nächste Mädchen schwer werden. Die Eltern daheim. Vielleicht Geschwister oder ein Freund. Oder zwei. Eine Freundin. Widerwillen. Untröstlichkeit.

Dann sank die Tür mit einem schweren Seufzer ins Schloss. Keinmal war sie abgeschlossen gewesen—außer über die Ferien. Nachts war sie immer einen Spalt offen gelassen gewesen: Für den Fall. Jedoch nun war sie zu. Für eine sehr lange Zeit. Die Klinke schnellte ein letztes Mal für dieses Schuljahr hoch. Dann kehrte sie sich gen Flur. Er schien endlos. Als sie auf dem Teppichboden langsam entlang schritt, hörte sie hinter jeder Tür die Stimmen der Mädchen, die dort gelebt hatten. Die Stimmen waren so weit weg. So undeutlich und doch so unerbittlich präsent. Sie sputete sich nun; der Moment war zu mächtig und sie hatte nicht genug Energie. Ein einziger Schritt hinaus ins Freie und der Bann war gebrochen, wobei die Magie aber für immer bleiben würde.