Ohne zu fragen

Ihre schmerzenden Glieder ächzten unter jedem Schritt aufgrund der Anstrengungen der Woche.

Schlaflose Nächte. Überspringen der Frühstücksstunden. Morgendliches stundenlanges Sitzen. Nachmittägliche sportliche Aktivitäten. Abendliches Kaffeetrinken. Und immerzu angespanntes Konzentrieren. Ihr Geist schien zwischen dem Grau des Asphalts und der Nebelschleier, welche die Berge um sie herum einhüllten, gefangen zu sein. Zu viel denken. Konstruieren. Kreieren. Vermissen. Ausgrenzen alle der Dinge, die generell ablenken.

Der erste Tropfen ließ ihren Nacken noch ein wenig mehr nachgeben, ihren Kopf noch mehr gen Erde senken, und ihren ganzen Körper unter der Schwere verstärkt ächzen. Der zweite Tropfen rann unter dem Hemd ihren Rücken hinunter und passte nicht ganz zu dem Dauerzustand, der sich in ihrem Leben so schnell breit gemacht hatte. Nach dem dritten, vierten und fünften Tropfen hob sie erbost ihren Kopf, um den Gegner zu sichten. Und er kam in Massen.

Sie konnte dem prasselnden Regen nun unmöglich ausweichen—das Feld war zu weit und der Gegner zu nah. Somit war sie also in ihrer Wolke von Erschöpfung, Säuerlichkeit und Sträuben gefangen. Noch erst zögerte sie, dann aber gab sie auf und passte sich an die mitreißende Bewegung des Wassers an; es war kein Kampf mehr, nur noch ein Einswerden mit etwas, das sich endlich anders anfühlte. Sie blieb stehen, legte ihren schweren Kopf mit einer letzten Anstrengung langsam in den Nacken und gab die Lider seufzend der Schwerkraft hin. Ihre Haare entglitten unbemerkt der zerrenden Frisur und legten sich sanft um ihr Gesicht – als Kanal für die unzähligen Tropfen rahmten die weichen Wellen ihre Konturen. Die Wimperntusche rann in dunklen Bächen ihren Hals hinunter und nahm die Schwere ihrer Schultern mit sich. Die Konturen ihres Körpers waren mittlerweile von den durchweichten Stoffen nachgeahmt, welche sich an jede Oberfläche schmiegten und diese ohne großes Fragen annahmen. Langsam hob sie die Arme um den Rest all der Schwere nun vollkommen dem Wolkenbruch zu überlassen; heiße Tränen mischten sich unter die kühlen Regenschnüre und versteckten sich somit vor den Augen des Kritikers.

Als sie mit neuer Kraft die Augen öffnete, war der Gegner zum Advokat geworden—zum Befreier. Sie war frei. Ihre Füße berührten den Boden, aber sie wankten nicht mehr auf den Sorgen des Lebens. Es war alles gut. Sie würde von hier eine neue Richtung einschlagen.