Neue Bekanntschaft

Er stand auf, schwankte unter dem Rhythmus des Verkehrs hüftschwingend hin und her und hangelte sich zu ihr, um sich neben ihr niederzulassen. Herübergeneigt zu ihr bat er sie, die Nummer seiner Frau für ihn in sein Handy einzutippen—die Nummer war auf die Rückseite seines Handys geklebt. Er könne nicht mehr so gut sehen. Während sie wählte, das Telefon fortwährend umdrehend um die Nummer zu sichten, stellte er sich ihr vor. Paul. Dann zählte Paul an seinen Fingern ab, dass er mit 5 und 7 alt und größer als sie sei. Wie Recht er doch hatte, Paul. Die anderen Mitfahrer im Bus waren mittlerweile zu einem aufmerksamen Publikum geworden. Auf ihrer ungewöhnlichen Bühne wurde deutlich, dass Paul fälschlicher aber berechtigter Weise gedachte hatte, sie sei schon 2 und 0 oder sogar 2 und 3. Aber dass sie dann ja doch jünger als das war. Beide Hände hochhaltend signalisierte sie Paul, dass sie 1 und 9 sei. Paul errötete vor Aufregung.

Er stellte sich höflich als ‚Paul’ vor und kramte aufgeregt in seiner Tasche. Mit zittrigen Händen zog der Mann ein Buch mit dem Titel „Connie backt Pizza“ hervor, welches unter kindlichen Umständen von Eltern vorgelesen wird. An jenem Montagmorgen aber war es Paul, der dem fremden Mädchen die Geschichte von Connie, die Pizza backt, vorlas, wobei er jeden Buchstaben mit höchster Konzentration formulierte. Welch ein Sinn für Wörter. Was für eine Vorlesestimme.

Mitten in der Geschichte wandte sich Paul stockend zu seinem Publikum und blickte fragend, stumm in die Runde. Dann errötete er und stellte sich als ‚Paul’ vor—das hätte er wirklich vor dem Lesen machen sollen. Paul senkte den Kopf und murmelte, dass er sich schäme. Er schäme sich, dass er nicht fahren kann. Fahren, das möge er nämlich besonders gern. Und aus dem Fenster schauen, was man im Bus ja gut machen kann. Er fragte das Mädchen natürlich sofort, ob sie ein Gerät zum Fahren habe. Sie hatte keins. Und auch keinen Führerschein. Nickend meinte er, er heiße Paul und fände es überhaupt nicht schlimm, dass sie kein Fahrgerät hatte.

Dann fragte er nach ihrer Bushaltestelle. Gemeinsam übten das Mädchen und der Mann also das Wort der Bushaltestelle ‚Albertinusstraße’. Mit höchster Faszination wiederholte Paul vorsichtig die von ihr langsam gefütterten Silben. Endlich, nach einigem Abtasten der verschiedenen Laute, klatschte Paul in die Hände und lachte lauf auf. Er hatte es geschafft. Plötzlich aber weiteten sich Pauls Augen. Angela, seine Frau hatte heute Morgen beim Aufwachen wie eine ganz fremde Frau ausgesehen. Er hatte sich so erschreckt! Dann aber hatte Angela ihn sanft daran erinnert, sein Gesicht zu waschen. Waschen bestand an diesem Morgen unter anderem aus rasieren, denn Angela meinte, die Piekser würden ihn so alt machen. Und Paul mochte nicht alt ausschauen. Aber er ist ja groß, bekannte Paul vor seinem Publikum. Und seine Mama ist auch groß, aber größer als er. Die Frau, die ihn immer von dem ‚Stop’ des Busses abholt, das sei seine Mama. Weil er immer vergesse, wo er raus müsse.

Schließlich stand Paul feierlich auf, legte seine freie Hand auf seine Brust und erklärte, dass sein Name Paul sei. Die schmunzelnde Antwort des Publikums ließ auch Paul lachen und zustimmen, dass er seinen Namen auch schön fände. Als der Bus anhielt, winkte eine ältere Frau von draußen dem Busfahrer zu. Paul stand auf, wünschte allen einen wunderbaren Tag, stieß mit aufgeregter Stimme hervor, dass er sich schon freue, alle—und besonders sie—am nächsten Morgen wiederzusehen. Sie sollten sich nur auf dieselben Plätze setzten. Und noch einmal rückblickend rief der Mann über seine Schulter, wir sollen ihn doch einfach Paul nennen. Wir alle waren ja jetzt Freunde.

Bevor der Busfahrer den Bus wieder auf die Fahrbahn lenkte, wandte er sich um, und drückte dem Mädchen mit einem Lächeln eine kleine, laminierte aber dennoch abgenutzte Visitenkarte in die Hand, auf welcher stand:

Ich heiße Paul.

Ich hatte einen Schlaganfall.

Ich habe daher Schwierigkeiten mich sauber zu artikulieren und mich an Dinge zu erinnern; ich bitte um Nachsicht.