Der Stollen

Für Lore Schweizer

So verschieden die Wartenden auch waren, so waren doch alle aus demselben Grund hier. Während die Männer, Frauen, und Kinder nun in der Schlange warteten, rieselten bauschige Schneeflocken sanft auf die grauen Klamotten, Haarschopfe, und Trümmer hernieder und umschmiegten annehmend die kantigen Unebenheiten, Ritzen und Spalte. Vor den vielen, vielen hungrigen Mündern stiegen graue Atemwolken empor; in jeder der Wolken war eine Bitte, ein sehnlicher Wunsch eingebettet, und gemeinsam ergänzten sich die Worte zum Gebet. Denn nur das konnte den Stollen vermehren. Er würde nie reichen.

Endlich war sie an der Reihe. Bevor sie an die Theke herantrat, schlang sie ihren abgetragenen, ehemals dunkelgrünen Mantel enger um sich, schluckte die Tränen herunter und hob das Kinn etwas höher. Dann tauschte sie die blassviolette Marke gegen eine viertels Scheibe Stollen. Das Stückchen Weihnachtsgebäck war in milchiges Butterbrotpapier eingewickelt und schmiegte sich prompt in ihre kalte Hand. Da Tränen ihre Sicht verschwimmen ließen und der ungewohnt intensive Schwall von Frohsinn ihr müdes Herz zu schnell klopfen ließ, trat die junge Frau nur einen kleinen Schritt zur Seite und suchte mit der freien Hand nach einem Holzbalken zum Festhalten. Anstelle des Holzes erfasste ihre Hand etwas warmes, weiches, was sich sofort um ihre kalten Finger schloss. Es war die Hand eines anderen. Sie blinzelte die Tränen weg und als sie aufschaute, blickte sie in die Augen eines jungen Mannes.

Langsam löste sich ihr klammernder Griff. Er hielt seinen Arm noch immer ausgestreckt, vielleicht benötigte sie ihn ja noch mal. Dann öffnete er den Mund. Seine Worte gelangten wie durch dicke Nebelschwaden nur verspätet und gedämpft zu ihr, und sofort füllten sich ihre Augen wiederum mit Tränen. Er bat sie um ihr Stück Stollen.

Mehrere Jahre—sie hatte nach dem fünften aufgehört zu zählen, hatte sie auf diesen Moment gewartet. Auf ein wenig Weihnachtlichkeit. Auf etwas Süßes zu Essen. Auf den Weihnachtsstollen. Auf ein richtiges Weihnachten. Zitternd drehte sie sich weg. Die Tränen rannen ihr nun in Strömen über die Wangen, und sie wollte nicht, dass er sie so zerbrechlich und aufgebend sah. Die Schneeflocken tanzten nun immer dichter um die beiden umher und strickten einen Kokon, in dem sich die angestauten Emotionen ungesehen entfalteten. In halber Drehung hin zu ihm hielt sie inne. Sie konnte ihm nicht in die Augen blicken, streckte aber die Hand aus und öffnete langsam die Finger. Sie gab das Stück Papier und den darin eingewickelten Stollen frei. Er nahm es, ihre Hände berührten sich kurz, dann drehte sie sich ab und rannte. Fort.

Es war Heiligabend. Viele Jahre waren vergangen, der Krieg war zu Ende, aber noch immer herrschten Zustände, die keine Weihnachtlichkeit in deutschen Haushalten zuließen. Auch heute war die Wohnung also wieder nicht geheizt, und so hatte sich die Familie in der Küche versammelt um die heilige Wärme des geborenen Sohnes Christi zu teilen. Die Tochter stand am Herd. Kein Topf war darauf zu sehen, aber die Geste war genug um den Familienmitgliedern den Geschmack der gebratenen Gans in den Mund zu zaubern. Keiner sprach. Die Mutter und der Vater hatten das Gesangbuch geöffnet und sangen leise ein Loblied für den Herrn.

Da klopfte es an der Tür. Drei Mal. Als die Tochter langsam die Türe öffnete, war der Flur leer. Eine Windböe erhaschte die Konturen ihres Gesichtes und sie senkte den Blick in grenzenloser Enttäuschung.

Doch dann erblickte sie das brotlaibgroße Paket, welches mutterseelenallein auf dem Fußabstreifer vor ihren Füßen lag. Mit beiden Händen trug sie das schwere Bündel andächtig in die Küche und legte es sanft auf dem Küchentisch ab. Die Familie starrte das Päckchen an, keiner wagte es den Blick von ihm abzuwenden. Es könnte beim nächsten Blinzeln verschwunden sein.

Wissend wand sich die Tochter ab und trat ungläubig ans Fenster. Ihr Gedanke wurde bestätigt: obwohl die Tränen sie am scharfen Sehen hinderten, erkannte sie einen Mann, der langsam durch den Schnee hinaus in die Dunkelheit schritt. Schon bald verloren sich seine Fußstapfen im Wirrwarr ihrer Emotionen, und so wandte sie sich wieder dem Paket zu. Der Vater betastete das milchige Butterbrotpapier sachte und löste es dann vom Inhalt.

Und dann lag er auf dem Tisch, inmitten der Familie, an Weihnachten. Der Stollen.